Stimmung

Gute Stimmung

Ich stimme gerne! Und sehr gut Stimmen lernt man nicht, wenn es keinen Spaß macht. Man muss immer dranbleiben, sich selbst immer wieder in Frage stellen, kreativ und interessiert tiefer einsteigen wollen. Mein Ziel ist, dass die Instrumente auch bei hoher Beanspruchung die Stimmung halten und ich auch in unruhiger Umgebung stimmen kann. Das alles dauert, das Gehirn muss entsprechene Verbindungen aufbauen. Aber es geht - mich bringt da so schnell nichts aus der Ruhe.

Wer gut stimmt, weiß, was er tut, kann also nach Gehör stimmen und hat sich mit den theoretischen Grundlagen fundiert auseinandergesetzt. Jemand, der sich komplett auf ein Gerät verlässt, kann demnach nicht stimmen, weil er nicht wirklich weiß, was er da eigentlich tut.

Stimmen ist dennoch keine Kunst, wie oft behauptet wird. Stimmen ist letztlich viel Physik und Handwerk, gut messbar und dennoch nicht leicht zu erlernen. Das Ohr (welches auch Talent mitbringen muss) braucht Übung, muss lernen, sich zu fokussieren, ähnlich, wie wir es ganz selbstverständlich mit unseren Augen tausendfach pro Tag im Alltag praktizieren. Dazu entwickelt sich mit der Zeit eine Rückkopplung zwischen dem, was man hört und der handwerklichen Arbeit am Stimmwirbel.

Bei der handwerklichen Umsetzung reagiert jedes Instrument anders, was bedeutet, dass man hartnäckig und über lange Zeit viele Experimente machen muss, um irgendwann zügig, schön und haltbar stimmen zu können. Irgendwann spürt man, welche Behandlung am Wirbel nötig ist, welche Anschlagsstärke passend ist, sieht manches auch an der Konstruktion der Saitenanlage. Ich habe hier alles versucht, was man versuchen kann und meine Schlüsse gezogen und auch hier kreativ eigene Methoden entwickelt, die für mich mittlerweile optimal passen und ein konstant gutes Ergebnis bringen.

Die Klangsaiten werden beim Stimmen so gespannt, dass die Obertöne der Saiten möglichst exakt aufeinander aufbauen und die einzelnen Töne in einem ziemlich eindeutig definierten mathematischen Verhältnis zueinander stehen. Dazu kommen vor allem im obersten Diskant und tiefsten Bass hörpsychologische Abwägungen, weil das Ohr den Ton hier gerne tiefer bzw. höher wähnt, als es physikalisch "richtig" wäre.
Eine sehr gute Stimmung bringt eine schöne, ruhige Resonanz in das Instrument, da sich die nun wieder ergänzenden Obertöne anregen und verstärken, die einzelnen Töne klingen länger aus, "singen" bei guter Intonation und entsprechender Qualität des Instrumentes. Auch muss die Spannung der klingenden und nicht klingenden Saitenanteile ausgewogen verteilt sein, so dass sich die Stimmung durch ein ungewolltes Nachrutschen der Saiten nicht verändern kann.

Auch sollte der Klangsteg spannungsfrei im Instrument stehen, um eine möglichst verlustarme Weiterleitung der Saitenschwingung zu ermöglichen. Diesem Punkt wird fast nie Aufmerksamkeit geschenkt, im Übrigen ist dies auch enorm wichtig für eine gute Stimmhaltung, insbesondere nach einer Änderung der Tonhöhe.

Da Stimmen viel Mathematik ist und somit gut messbar ist, ist gegen professionelle Messgeräte als Hilfsmittel überhaupt nichts einzuwenden. So gibt es mittlerweile exzellente Möglichkeiten, die mit einem klassischen Stimmgerät rein gar nichts mehr zu tun haben. Computerprogramme in Verbindung mit Kleincomputern oder Smartphones sind heute in der Lage,die Teiltonspreizung eines Saitenbezuges individuell einzumessen und eine immerhin recht ordentlich klingende Stimmkurve zu ermitteln. Allerdings werden diese Programme immer ihre Grenzen haben, ohne Überprüfung (insbesondere im kupferumsponnenen Bass) durch das geschulte Ohr geht hier nichts, mitunter liegt die Elektronik auch mal deutlich daneben und muss dementsprechend korrigiert werden. In bestimmten Situationen ist der so angepasste kleine Helfer allerdings nicht zu schlagen, so ist es beispielsweise möglich, mehrere Instrumente unglaublich genau und zeitlich effektiv zusammenzustimmen, ohne sie manuell miteinander vergleichen zu müssen. Auch kann man durch das Gehör angelegte Stimmungen Ton für Ton abspeichern und genauestens reproduzieren, was bei Aufnahmen, in deren Verlauf immer nachgestimmt wird, von großem Vorteil ist. Schnitte passen von der Stimmung immer genauestens, da immer nur das korrigiert wird, was sich verändert hat. das spart zeit, sichert Qualität und stört den Ablauf so wenig wie möglich.

Ich benutze seit 2002 das Programm "tunelab pocket", welches als einziges Programm am Markt zulässt, die berechnete Stimmkurve manuell anzupassen. So lassen sich individuelle Stimmkurven erstellen, dieses Feature nutze ich seit vielen Jahren erfolgreich für die Konzertinstrumente u.A. bei der Staatsoper und beim bayerischen Rundfunk.

Ein gutes, möglichst konstantes Raumklima ist ebenfalls sehr entscheidend für eine gute Stimmhaltung. Unkompliziert formuliert, fühlt sich Ihr Instrument wohl, wenn auch Sie sich wohlfühlen. Holz reagiert mit einer geringen "Größenänderung" auf Klimaschwankungen, die nach oben gewölbte Resonanzbodenplatte aus Tonholz arbeitet, was leider zwangsläufig zur Verstimmung der Saiten führt.